Konservativ ist auch keine Lösung
Eine kleine Lasagne-Theologie für die Zukunft der Kirche
Wenig hat mich als Kind mehr erfreut als Lasagne. So weit ich zurückdenken kann, habe ich dieses Gericht geliebt. Und doch... irgendwann als Erwachsener begann es: erst langsam, dann plötzlich, so als hätte es dieses Gericht nie gegeben, hatte sich Lasagne von meiner inneren Speisekarte verabschiedet. Nun bestimmten jegliche Formen von Pfannengerichten das Feld - ein bisschen Reis oder Nudeln, gedünstetes Gemüse, Kräuter, mal ostasiatisch gewürzt, mal indisch, mal mediterran. Es gab wenig, was mich von diesem Erfolgsprinzip abbringen konnte.
Zumindest bis zu der unerwarteten - in der Tat höchst erstaunlichen - Offenbarung, als ich entdeckte, dass man Tomatensoße mit frischen Tomaten kochen kann! Wer hätte gedacht, dass ein bisschen Frische so einen Unterschied machen würde? Fast so, als wäre etwas in mir plötzlich wieder heil geworden, waren jetzt jede Form von Tomatengerichten wieder hoch im Kurs - und der Höhepunkt, bei dem die ganze kindliche Freude in mir wieder auflebt, ist ohne Zweifel, wenn Lasagne auf dem Tisch steht - in immer neuen Zusammensetzungen.
Manchmal wirkt die Situation der christlichen Kirche in Deutschland auf mich ähnlich; wie jemand, der angesichts der global vernetzten Vielfalt der Gerichte und Möglichkeiten herausgefordert ist.
Die einen finden sich in dieser neuen Vielfalt ein und finden ihre Identität in eben dieser selbstverwirklichenden Freiheit; alles geht. Die anderen führen sich ihre eigenen pedantischen Kochverfehlungen vor Augen und wollen es anders machen, wissen aber nicht wie. Die nächsten wissen, dass die Lasagne ihren Geschmack verloren hat und versuchen ein anderes, ähnliches Nudelgericht zu finden. Wiederum andere wollen, koste was wolle, am Alten festhalten, konservieren die Zutaten und versuchen den Anderen klarzumachen, warum die alten Worte und Formen die einzig Wahren sind. Und ihre Verwandten geben zwar die Lasagne auf, aber mixen die konservierten Zutaten neu zusammen, getreu dem Motto: Innovativ in der Form, konservativ in Fragen des Glaubens.
Das Gleichnis würde suggerieren: Keine dieser Möglichkeiten weist in die Zukunft. Keine dieser Möglichkeiten bringt die Lasagne aus der Kindheit zurück. Diese braucht nämlich frische Tomaten und Integration der Vielfalt, um auch im Erwachsenenalter noch Lieblingsgericht sein zu können.
Christlicher Glaube im Sinne der Apostel bleibt einer erfahrenen Wahrheit treu, die in immer wieder neuen Formen und Worten ausgedrückt wird.
Meines Erachtens war christlicher Glaube von Anfang an weder konservativ noch progressiv, sondern wahrte ein Gleichgewicht von Altem und Neuem, indem er Wahrheiten über Gott und den Menschen immer wieder überraschend und kreativ zum Ausdruck gebracht hat und darin eine erstaunliche Flexibilität in der Art und Weise bewiesen hat.
Jesus macht es vor
Ein Bibelvers, der den Umgang der Apostel und ihre Flexibilität bspw. ganz gut auszudrücken scheint, ist Mt 13,52. In der Passage erzählt Matthäus davon, wie Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern Gleichnisse auslegte und erklärte. Am Ende der Rede fragt er sie, ob sie alles verstanden hätten, was sie bejahen. Danach formuliert er:
"Darum ist jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, einem Hausherrn gleich, der Neues und Altes aus seiner Schatzkammer hervorholt."
Der Satz fasst ziemlich treffend das zusammen, was wir Jesus in seinen Gleichnissen machen sehen: Jesus nimmt das alttestamentliche Bild des Königreiches Gottes, dessen Anbruch er verkündet, und findet neue Worte dafür, setzt es in neue Bezüge und Konkretionen.
Wo bspw. in Ps 84 der Zionstempel als Mittelpunkt der Herrschaft Gottes besungen wird (ähnlich Ps 24; Ps 68; Jes 33,20-22 u.a.) oder in Ps 29 Gottes Herrschaft und Macht über die Erde bestaunt wird, wird Gottes Reich in der Verkündung Jesu zu einer zwischenmenschlichen, geistlichen Größe. Es beschreibt hier eher eine grundlegende Beziehung des Menschen zu Gott und zu den Worten Jesu. Die "Schatzkammer" hier entspricht einer Beziehung des "Schriftgelehrten" zu dem Alten, das im Hier und Jetzt geschieht – er ist der "Hausherr", der "Neues und Altes" in seiner Beziehung zu Gott und den Worten Jesu, d.h. als "Jünger des Himmelreichs", hervorholt.
Matthäus macht es genauso
Mancher Ausleger hat darauf hingewiesen, dass dieser Vers sogar auf das ganze Matthäusevangelium angewandt werden kann: Matthäus stellt zwar eine Geschichte Jesu zusammen, er erzählt sie jedoch, indem er Erzählstränge erstellt, die Jesus in einen neuen Zusammenhang stellen. Jesus wird durch Matthäus als "neuer Moses", als Bringer und Erklärer des Gesetzes Gottes dargestellt. Matthäus stellt einzelne Spruchworte Jesu zu ganzen Reden zusammen und priorisiert sie auf eigene Weise. Seine eigene Betonung liege darauf, dass Jesus der Gottessohn und Messias ist, der das Gesetz Gottes auslegt, es vorlebt und eine "ekklesia"-Gemeinschaft bildet, die von der dargestellten Gottesbeziehung charakterisiert ist. Matthäus Fokus beim Erzählen liegt dabei vor allem auf der Jüngergemeinschaft, womit er wohl vor allem für seine Gemeinde Orientierung schaffen wollte.
Die Evangelisten laden zu einer Erfahrung ein
Um diese Orientierung schaffen zu können, ist es natürlich unerlässlich, dass Matthäus tatsächlich an Wahrheit interessiert ist. Offensichtlich möchte er das Leben und Wirken Jesu und dessen Relevanz zur Geltung kommen lassen. In seiner Perspektive ist hier etwas grundsätzliches passiert, das vor allem das jüdische Volk aber dann auch jeden Menschen etwas angeht. Also muss er dieses nach kurzer Zeit schon "alt" gewordene auch in die Gegenwart bringen.
Jedoch bleibt Matthäus - wie auch die anderen Evangelisten - nicht dabei stehen, Altes zu reproduzieren. Er bemüht die Heiligen Schriften, er sortiert die Worte Jesu und sortiert sicherlich auch manche Geschichten aus. Er bringt sie in einen Gesamtzusammenhang, in dem sie atmen können. Das wird spätestens im Vergleich mit den anderen Evangelisten deutlich, die andere Priorisierungen vornehmen und die Geschichten anders einbetten. Sie möchten alle den Glauben, auf den sie bauen, zum Ausdruck bringen und die Gemeinden bewegen.
Entsprechend kann man sagen: Die Evangelisten holten aus ihrer Schatzkammer der Worte Jesu, der Erinnerungen der Jünger und der Heiligen Schrift sowohl Altes, aber auch Neues hervor: Sie wendeten Jesu Worte auf die Gegenwartssituation auf je eigene Art an und schafften damit Orientierung für die noch junge Kirche. Ihr Schwerpunkt war es nicht, diese Worte einfach zu konservieren - dann hätten sie nämlich eine Spruch- und Geschichtesammlung geschrieben und es dabei belassen. Wären sie konservativ vorgegangen, hätten sie einfach darauf vertraut, dass diese Worte und Geschichten selbst zum Leben kommen und der Heilige Geist die nötige Einordnung vornimmt.
Die Evangelisten, inklusive Matthäus, bewahren den Glauben also gerade dadurch, dass sie ihn neu formulieren und ausdrücken; genauso wie es ein guter Prediger macht, der die Wahrheit auf ganz unterschiedliche Art und Weise zum Ausdruck bringen kann.
Was wäre heute ein apostolischer Umgang mit dem Glauben?
Mir erscheint eine wahllose Bejahung aller Vielfalt ohne Priorisierungen keine Option zu sein - damit gäbe man die eigentümliche Erfahrung der Apostel und der christlichen Kirche auf. Genausowenig kann man einfach alte dogmatische Grundsätze immer wieder neu reproduzieren. Das entspräche ja einer Art Denk- und Glaubensverweigerung, in dem Sinne: "Die vor uns haben schon alles verstanden. Jetzt müssen wir uns nicht auch wieder damit beschäftigen." Den Aposteln schien unfassbar wichtig, dass die Botschaft selbst bei uns ankommt, und zwar nicht als Worthülse, sondern als "Kraft Gottes zur Rettung, für jeden, der glaubt" (Röm 1,16).
Zentral erscheint mir, den Worten der Apostel und Autoren im Neuen Testament immer wieder nachzugehen, um tiefer zu verstehen, wovon sie redeten - das Wort Gottes "wiederzukäuen", wie es die Mönche der ersten Jahrhunderte in Anlehnung an Ps 1 formulierten, oder wie es Matthäus wohl gemacht haben muss, auf dem Weg, sein Evangelium in Form zu bringen - oder wie Jesus selbst die Worte des Tanach in- und auswendig kannte. Aus Konserven werden zwar längst keine frischen Tomaten... aber wer den Geschmack kennt, weiß deutlich besser, wonach er suchen kann.
Und dann braucht es die Herzensoffenheit und den Mut, das Wort auch in die Tat zu bringen. Immerhin muss man es auch mal wagen, eine neue Lasagne zu kochen. Nur wer kocht, kann ja auch schmecken und sich daran freuen.
Und, wer weiß, in welchen Formen sich die Wahrheit dann ausdrückt? Aus der Schatzkammer des Himmelreichs jedenfalls wird es immer wieder Altes und Neues geben, das hervorgeholt werden kann.
Member discussion